Alles gut!

Eine Intervention von Celia Blaase (S2)

„Sieh mir bitte in die Augen, während du mir erklärst, wie gut es im Leben läuft. Denn mit dem Blick nach Außen, siehst du die Welt brennen“. Alles Gut

(Foto: Celia Blaase)

Dieser Poetry-Slam-Text wirft den pessimistischen Blick einer müden Poetin auf die Welt, in der wir alle zusammen leben und in der ständig behauptet wird, alles sei gut.

 

Hey du! Hörst du überhaupt zu?

Ja, alles gut.

Alles gut. Was soll ich denn auch anderes sagen, zu diesem Freund, den ich aus Mangel an Vertrauen, nur so gut kenne, wie die Personen am Nebentisch?

Ja, alles gut.

Ich bin eine weitere ungehörte Stimme unter Stummen.

Die extremen Ansprüche, die ich an mich habe, zwingen mich selbst und alles, was ich mache, als Nichts anzusehen. So zeigt mir nur jeder Blick in den Spiegel, all die Sachen, die ich nicht bin. Dabei will ich in dieser viel zu schnellen Welt nur einen Moment der Ruhe, in dem ich meine Gedanken ordnen kann. Ich will meine Gedanken auf Papier bringen und mit der Welt teilen, ich will endlich ehrlich behaupten: Alles gut, ich habe es geschafft, wieder Freude im Leben zu spüren.

Doch das schaffe ich nur, wenn ich aus meinen Zwängen ausbreche, in den Spiegel lachen kann, um dir zu sagen: Ey Mann, alles gut! Wie geht es dir so?

Im ständigen Wechsel der Zeit sind wir uns so fremd, wie man ein Jeder für sich selbst, auf der Suche nach Identität.

Sieh mir bitte in die Augen, während du mir erklärst, wie gut es im Leben läuft, denn mit dem Blick nach Außen, siehst du die Welt brennen.

Krieg, Willkür und Korruption beherrschen, den sich erwärmenden Planeten und selbst in den sicheren Ländern rebellieren die Menschen, aus Verzweiflung.

Menschen mit dunkler Haut zählen wohl nicht und Gleichberechtigung schränkt dir deine Privilegien ein?

Da kannst du froh sein, im stabilen Deutschland zu leben, ohne Furcht, getötet zu werden, weil du als die Person geboren wurdest, die du bist. Ignorier einfach die junge Frau, die vorbei an brennenden Flüchtlingslagern und dunklen Gassen huscht, mit dem Haustürschlüssel in der geballten Faust, da man ihr beibrachte, nicht vergewaltigt zu werden, und die niemand lehrte, nicht zu vergewaltigen. Das ist aber auch egal, denn bei diesem kurzen Kleid, verliert ein Nein schnell seine Bedeutung.

Der Mann dort auf der Bank wird sie eh nicht sehen, er ist zu sehr mit Weinen beschäftigt. Er wird von seiner Frau misshandelt, doch damit an die Öffentlichkeit gehen kann er nicht, es wäre unmännlich.

Unmenschlich. Gleiche Rechte für alle, nehmen dir nichts weg, sie sorgen nur dafür, dass alle die gleiche Chance auf Leben haben.

Da kann man über das über Pfefferspray, das ich fest umklammere, schon hinwegsehen, wenn ich abends auf dem Weg nach Hause bin.

Sieh mir in die Augen, während du alles ist gut lügst.

Doch bitte sieh über meine Augenringe hinweg, ich schaffe es nachts nicht, alleine mit meinen Gedanken zu sein, und muss mich daher durchgehend beschallen.

Depressionen werden immer noch nicht ernst genommen und alles ist beschissen zu sagen, gilt als unhöflich.

Der ständige Zwang, ein perfekt funktionierender Mensch zu sein, zwingt uns in einen Panzer aus beschönigenden Worten und strahlenden Magazin-Cover-Lächeln, die so unrealistisch sind, dass Kinder sich den Finger in Hals stecken, um noch mehr wie das bearbeitete Bild ihres Vorbildes zu sein.

Wenn ich dir all das sagen würde, wärst du verstört, würdest du mich wohl eine Pessimistin nennen. Meine Welt ist leider pessimistisch und die Wahrheit tut manchmal weh.

Doch das ist die Welt, die in dieser Zeit nicht mit Offenheit dienen kann. Nach außen eine Gesellschaft, die so eng beieinander ist wie noch nie zuvor, und doch sind wir einsam und verschlossen – jeder mit seinem Sorgenbündel für sich.

Aber danke der Nachfrage, bei mir ist alles gut, wie bei dir auch und jetzt lass uns vergessen.